Elischa Kaminer zieht sich zuerst die Schuhe aus und zündet zwei Kerzen an. In aller Ruhe. Eine Ruhe, die gebrochen werden wird, aber den Raum zugleich auch nicht mehr verlassen wird in den fast drei Stunden, die „strings of love and rage“ in Anspruch nehmen wird. Es sind langsame, bedachte Bewegungen, bis Kaminer sich in der Mitte der Bühne wiederfindet, im Lichtkegel, und mit einem jüdischen Zemirot, klagend, den ersten Gesangspunkt des Abends setzt. Und damit auch die Stimmung, in der sukzessive die weiteren Künstler:innen hinzustoßen. Zuerst kommen Angela Wai Nok Hui und Mikolaj Rytowski hinzu, dann betritt die Violinistin Mayah Kadish die Bühne. Langsam, bedacht, schleichend. Auch sie ziehen die Schuhe aus. Die Bühne wird in diesem Beginn zu einem heiligen Ort.
strings of love and rage ist, so führt Kaminer an diesem Beginn das Publikum ein, sei das Resultat individueller und kollektiver Krisen. Ein Teil von deren Verarbeitung. Es nimmt uns mit auf eine Reise, und Kaminer ist wichtig, zu betonen, dass wir in dieser Reise nicht gefangen sind. Wir sollen gehen und wiederkommen, wenn wir das wollen oder brauchen. Kaum jemand wird es tun.
Krisen sind Situationen des Durcheinanders von Gedanken und Gefühlen. Und so bleibt die Ruhe des Beginns kein dauerhafter Zustand. Schon wenig später schreit Maya Kadish in einem verzweifelten, zerfahrenen Monolog ins (aber nicht gegen das) Publikum. „I think i’ve been here before“, beginnt sie mehrfach, immer wieder. Debattiert, was sie erlebt: Eine Erinnerung? Ein Flashback? Sie wird schneller, durchwühlter, lauter, und uns wird klar: Das ist kein Flashback, das ist eine Erinnerung, der Wunsch des Wiedersehens, der Gedanke an eine verschwundene Person. „I loved you with all my heart“, schreit sie. Immer wieder. „Please continue“.
Zu viel, das alles? Das ist eine aktiv formulierte Frage zur Pause. Sanfte Klaviermusik, klare Brüche und beklemmende Einlagen wie dieser Monolog führen in einen sehr besonderen Raum, in starke Emotionen. Es geht sehr tief, was die vier Künstler:innen hier schaffen. Die Musik dieses ersten Teils, die klaren harmonischen Brüche, tun ihr übriges für das beklemmende Gefühl, die tiefe Trauer dieser ersten Hälfte; der Verlustgeschichte.
Aber es gibt relief. Schon mit der Pause, in die entlassen man Zeuge von Gemeinschaft und Schönheit wird. Kaminer spielt leise und melodisch, zurückgefunden zur Ruhe des Anfangs am Klavier weiter, Nok Hui und Rytowski schnappen sich gleich zwei Badmintonschläger und spielen drauf los. Die Pause selbst ist ein Statement, ein Bruch. Aber erstmal müssen wir raus, trotzdem. Durchatmen.
Die Energie der Pause bleibt uns dann im zweiten Teil erhalten. Es bleibt zwar ein Auf und Ab, in dem Kaminer und sein Ensemble in mehrfacher Hinsicht richtig aufdrehen: Kaminer entledigt sich seiner Jacke um sein langes, rotes Abendkleid, das bisher unter einer Jacke nur angedeutet war, zu präsentieren; und auch die anderen Musiker:innen ziehen sich um. Es gibt Eskapismus, eine Party zu Berliner Techno, mit allem was dazugehört, auch des Puppy Kinks. Es gibt disharmonische Epik, überwältigende Lautstärke, zerbrochene Teller, Klänge einer brechenden, zerfasernden E-Violine. Rock bottom, Überwältigung der Musik.
Der zweite Teil ist daneben aber primär – und nachhaltiger – dominiert von Darbietungen des Haltes. Vom Zusammensein, vom gemeinsamen am Tisch-sitzen, von „family or chosen family“, tiefer Freundschaft. Die Künstler:innen sitzen am Tisch, schälen und essen Granatapfel. Kurz darauf bestellt Kadish italienische Pizza, die wenig später auf die Bühne geliefert wird. Auch für das Publikum. Und so essen die vier Künstler:innen und wir in aller Ruhe, wie abstandnehmend vom Leid, vom Stück. Es wird geredet, gelacht. Wir heilen in diesem Moment ein bisschen.
Und so endet der Abend mit einem Stück, das das Leid mit Hoffnung verbindet. „Where die you go where did you go“ stellt eben diese titelgebende Frage und beantwortet sie auch „I’m in the trees I’m in the trees“. Wie den Abend über braucht es das Ensemble wenig Text um viel zu transportieren und so lebt auch dieser abschließende Song von der ständigen Wiederholung, dem sanften Einarbeiten des Textes in die Seele. Und als Publikum sind wir beteiligt am Heilsamen dieses Prozesses. Aufgefordert, zu singen, tragen wir eine Strophe bei, die auf den Lippen bleibt:
And I will sing like I know That we will meet again
Hoffnung in der Trauer. Das ist die Abschlussnote. Und nichts davon war am Ende zu viel, auch wenn der Verlust des ersten Teils definitiv hart war.
Kaminer setzt gegen Ende einen kleinen politischen Akzent, spricht von der Schwierigkeit des Lebens in einer Welt von Genozid, Ecozid, Rechtsruck, Antisemitismus und Queerfeindlichkeit. Es ist die einzige offene politische Bezugnahme des Abends, die dann eher einem Rundumschlag gleicht als alles andere. Sie wirkt ein bisschen verloren, aber auch nicht fehl am Platz. Man kommt so nicht in Versuchung, das den Abend prägende Leid und dessen Verarbeitung aus der Offenheit und ihrer multiplen Anschlussfähigkeit herauszunehmen, es genauer zu beziehen. Die Krise, aus der das Stück geboren ist, bleibt doch vage. Sie wird vom Stück nicht repräsentiert, sie wird eingefangen in ihren Implikationen.
In den drei Stunden Konzert und Performance ist es nicht die Masse an Liedern oder Darbietungen, die begeistert. Im Gegenteil zählt Kaminers Liste von Liedtexten nur drei Lieder, textlos mögen es mehr sein, aber nicht viel mehr. Nein, was hier wirkt und nachhalt ist ein wundervolles, im ständigen Bruch der Harmonien und Abläufe genauso wie in der regelmäßigen Wiederaufnahme von Melodien funktionierendes Erlebnis. Eine emotionale Reise, die ihresgleichen suchen dürfte.
Dass die Protestformen, wie sie in Lützerath und in vielen Wäldern und Industriestätten praktiziert werden, eine andere Form des (Zusammen-)Lebens einüben und einfordern, wie ich beschrieben habe, mag stimmen. Doch es steht sowohl einem Unverständnis als auch einem eher geringem Interesse einer großen Mehrheit gegenüber, die sich aufgrund eines solchen Protestes wohl kaum mit der „Art und Weise, wie sie der Natur gegenübertritt“ befassen dürfte. Gestreift werden vielleicht der Ressourcenverbrauch, der Verlust eines Dorfes und vielleicht auch die Absurdität eines Ressourcenabbaus, der später mit grausamer Umweltbilanz in Energie umgewandelt werden soll. Kaum aber die Frage des Eingriffes selbst, der Haltung, mit der wir uns kollektiv unhinterfragt einig sind, weiter und weiter aus der Natur zu entnehmen, sie für uns zu formen.
Und die unmittelbaren Konsequenzen, die in solchen Protestformen eingefordert werden – der Verzicht auf weiteren Kohleabbau im Rheinischen Braunkohlerevier, der Erhalt von Gebäuden, Wäldern oder anderen Orten, sowas – sind wiederum nur selten erfolgreich. Sie stehen in völliger Abhängigkeit von der jeweiligen politischen Einschätzung; und die lautet in den allermeisten Fällen: Ist nicht.
Der empowernde Faktor wiederum, der für Teilnehmende in einem solchen Gruppenereignis ermöglicht wird, ist im Kontext der notwendigen Veränderungen ziemlich klein.
Der dadurch bedingten gewaltsame, polizeilichen Räumung ist wenig entgegenzusetzen. Das heißt dann: Weiter so? Woher kommt dann wirkliche Veränderung?
Nur noch kurz die Welt retten
Die aktuellste aller Antworten darauf lautet: Durch uns. Das Verhalten jeder einzelnen Person könne einen Akzent setzen, den Weg zur klimaneutralen Welt, zu einem anderen Standpunkt zur Natur beitragen. Wir alle kennen Formen davon: Wie leicht es doch sei, umweltfreundlicher zu konsumieren, Kritiken von Flug- oder Schiffsreisen, Plastik- oder Fleischreduktion, achtsamer Konsum, Bahn-Positivismus, E-Autos, etc.
Das Bild, dass ich damit in die Welt setze ist dass einer individuellen Kritik des Konsumverhaltens. Dem – zurecht – entgegengehalten werden muss, dass Konsumkritik die falsche Form von Kritik ist. Der Kern hiervon lässt sich in mehrere Richtungen auffächern: Zum (1) in die empirische, messbare Verantwortung, also den Effekt, den ein:e Einzelne:r mit bestimmten Handlungen überhaupt erreichen kann, zum anderen (2) in der Rolle der Gesellschaft zum Individuum, vom Ganzen zum Einzelnen sowie im (3) fordernden, verzichtfokussierendem Ton, in dem dieses Thema teilweise wahrgenommen: dem dürfen, sollten, müssen, das manchmal da ist, manchmal aber vorher abwesend war.
Beginnen wir mit den möglichen Veränderungen, die eine einzelne Person erreichen kann. Die sind tatsächlich vergleichsweise gering. Und das nicht, weil man als Einzelne:r in einem Kontext von Millionen bzw. Milliarden, je nach Bezugspunkt, schlicht untergeht. Der Punkt individueller Verantwortung geht ja darüber hinaus und betrifft die Kombination gemeinsamen Handelns. Doch auch hier. Nehmen wir die deutschen CO2- Emissionen in der groben Aufteilung nach Sektoren:
Die mit Abstand größten Emissionen liegen bei Energie und Industrie. Sicher, dann kommen Verkehr und Gebäude, doch diese stehen ja keineswegs in alleiniger Verantwortung der Einzelnen. Beim Verkehr entfallen an die 30% auf LKW, ebenfalls knapp 30% sind beim Gebäudeteil Nicht-Wohngebäude (Nutzung, nicht Bau). Das ist holzschnittartig, denn so einfach lassen sich solche „Sektoren“ gar nicht voneinander abgrenzen. Man kann sich dem Punkt, den ich mache, auch anders annähern, zum Beispiel kombiniert auf emittierende Akteur:innen und landet dann bei Zahlen wie der, dass es 30 Unternehmen sind, die ganz allein 36% der Treibhausgasemissionen Deutschlands produzieren.
Oder man betrachtet vergangene Entwicklungen, zum Beispiel:
In den … Jahren 1995 bis 2015 … sanken die konsumbedingten CO2-Emissionen EU-weit um rund zwölf Prozent. Die ärmste Hälfte der Haushalte reduzierte ihren CO2-Ausstoß dabei um fast ein Viertel (24 Prozent), diejenigen mit mittlerem Einkommen um 13 Prozent. Im Gegensatz dazu legten die reichsten zehn Prozent der Europäer:innen um drei Prozent zu, das reichste Prozent sogar um fünf Prozent.
Die Größenordnung wird klar, denke ich. Individuelle Verhaltensveränderungen haben einen nachgeordneten Stellenwert bei der Reduktion von CO2-Ausstößen. Und wie das Zitat oben zeigt, geht mit Einschränkungs- und Verzichtsaufrufen an „verantwortungsvolle Konsument:innen“ auch ein soziales Ungleichgewicht einher. Anders: Gerade „Oma Erna“ hat schon einiges unternommen, es kann doch jetzt nicht darum gehen, weiter bei ihr anzusetzen – bei ihrer Heizung, ihrem Urlaubsflug oder ihrer Salami. Was dann auch Punkt zwei klarmacht: Das Falsche am fordernden, verzichtfokussierten Charakter des individuellen Klimafokus‘.
Der grassierende Fokus auf die individuellen, alltäglichen Entscheidungen, Reisen und Käufe, legt den Fokus somit klar auf die falsche Ebene. Die Rettung der Erde ist keine persönliche Aufgabe. Konsumkritik ist die falsche Kritik.
Hingegen: Wie verändern?
Nun ist jedoch die Größe der uns bevorstehenden Veränderungen schwer zu überschätzen. Was war die Ausgangsfrage? Wie kommen wir denn jetzt in Veränderung? Es sieht nicht danach aus, als wäre die großspurige, politische, fast revolutionäre Veränderung das, was kommt und uns in die Spur bringt, auf der wir anders mit diesem Planeten umgehen.
Kurz rumgespinnen: Wenn jetzt, spontan radikalisiert, eine Regierung beginnt, auf die Tube zu drücken: autofreie Wochentage, Abriss und Neubau nur noch auf Begründungsbasis, Industrieverpflichtung Klimaneutral 2030, Moor-Wiedervernässung, Verbot kurzer Flüge, Fleischrationierung, Vermögensbesteuerung, ach, was weiß denn ich. Die Frage ist jedenfalls: Wie soll das aussehen? Der ziemlich umfassende backlash auf so viele der gegenwärtigen Maßnahmen – gegen Windräder, Wärmepumpen, ÖPNV-Fokus, Industrievorschriften –, die Rede von einer Deindustrialisierung; all das zeigt sehr deutlich auf, dass es ohne eine Basis an Rückhalt und Unterstützung, einen Denkrahmen, in dem sowohl die Anpassungsnotwendigkeit als auch die Nicht-Nachhaltigkeit des aktuellen Konsumierens, eine Rolle spielt. Auch die systembezogenen Entscheidungen treffen, oft sehr direkt, das alltägliche Konsum- und Lebensverhalten von uns allen.
Anders: Veränderung braucht die Verankerung in der Alltagswelt und im alltäglichen Denken der Menschen. Und da setzt eben auch die individuelle Ebene an.
Dabei geht es weniger darum, die Effekte zu betrachten, die im Wirtschaftsmodell dabei so oft fokussiert werden: Dass es uns über die Nachfrage möglich ist, das Angebot fundamental zu verändern. Denn dieser Effekt ist begrenzter. Sicher: Der Wunsch nach und Kauf von Fleischersatzprodukten bzw. Produkten mit deutlich stärkerem Fokus auf menschenwürdige Produktionsbedingungen hat eine immens wachsende Aufmerksamkeit bei Herstellern geweckt hat. Rügenwalder verkauft seit letztem Jahr mehr vegetarische Produkte als Fleisch. Doch das bedeutet nicht, dass der Konsum deutlich verändert ist. Eher ist er erweitert und vergrößert. Vegetarische Produktion ersetzt keine Fleischproduktion, für den Konzern handelt es sich nicht um ein Nullsummenspiel. Er vergrößert seinen Umsatz deutlich, weil ein Angebot dazukam, nicht weil eines ersetzt wurde.
Aber diese Entwicklung hat einen Effekt in der Lebensrealität. Die Erfahrungen, bei Eltern oder Verwandten auf einmal, und oft ungefragt, mit einem Problembewusstsein konfrontiert zu sein – „So viel Fleisch essen wir gar nicht mehr“ (ob es nun stimmt oder nicht: es ist Ausdruck einer Wahrnehmung) – ist in meiner Generation fast omnipräsent. Sie hat ihren Anfang in der impliziten wie expliziten Existenz von den Menschen, die auch die Nachfrage nach Fleischersatzprodukten treibt. Über das Vorleben, Nachfragen, Kritisieren. Über die Präsenz.
Wir sollten ja wohl kaum anfangen, einem „so viel Fleisch esse ich nicht“ entgegenzuhalten „ach, unwichtig, was du konsumierst“. Die Themen müssen auf den Tisch. Ob es Einkaufsverhalten und Überschuss ein nice to haves ist, Essenswahl, Reiseverhalten oder Wohnraumnutzung. Das gehört dazu. Nicht, weil man alles zwingend lassen muss, aber weil es mindestens in einen anderen, weniger ausbeuterischen und überflussfokussierten Modus überführt werden muss.
Shame, shame, shame
Konsumempörung ist die falsche Form von Kritik. Aber die Dinge, die auf dem Weg in einen anderen Umgang mit der Welt verändert werden müssen, können wir nicht sein lassen, wie sie sind, weil es vor allem große, politische Maßnahmen braucht. Die immerwährende Konfrontation von Handlungen, Konsum- und Lebensentscheidungen und eingeübten Verhaltensweisen mit der Realität, in der wir leben, ist mehr als angebracht. Sie läuft dann fehl, wenn sie auf dieser Seite verhaftet bleibt. Wenn es – wie zuletzt häufiger in den deutschen Medien – nur noch heißt: „Darf man das noch“ und „mach mal anders“. Die Verbindung zur politischen und systembezogenen Ebene darf nicht aus dem Blick geraten, das ist klar. Aber ohne wird es nichts.
Auch die Wahlentscheidung ist eine individuelle Entscheidung. Und eine Welt, in der immer wieder die Frage des Klimas und der Natur im Raum steht, hat hierauf einen Einfluss. Vielleicht muss es häufiger heißen: „Und hast du beim Urlaubsplan über das Klima nachgedacht?“ ohne damit gleich die Unterlassung einzufordern. Vielleicht muss es häufiger heißen: „Klar sollte man das. Aber man kann auch erstmal so wählen, dass andere mitmachen müssen.“
Ich weiß nicht, wie das geht. Ob das geht. Aber so lange wir an einem demokratischen Zusammenleben orientiert bleiben, führt der Weg in ein anderes Verhältnis zur Natur eben auch über ein großes Stück Meinungsautobahn. Sowohl Politik als auch Unternehmen leben nicht im luftleeren Raum, abgeschieden von dem, was ihnen aus der öffentlichen Meinung, den gesellschaftlichen Vorstellungen entgegenschlägt; jedenfalls dann, wenn es präsent und manchmal laut genug ist. Wenn es im Alltag verankert ist. Veränderungen im Alltagsverhalten und im Denken verändern das Feld, in dem Entscheidungen getroffen werden, ob das Regierungen, Unternehmen oder sonstwas ist.
Das individuelle Entscheidungen keineswegs ausreichend sind, selbst wenn sie umfassend getroffen werden würden, heißt nämlich nicht, dass das Umgekehrte richtig ist.
Jeder Konsum hat soziale Bedeutung und Effekte. Er spielt sich ab in einem Umfeld von Menschen. Er beeinflusst diese Menschen. Viele dürften die Erfahrung gemacht haben, wie sich das eigene (Nach-)Denken verändert, wenn sich die Gruppen ändern, mit denen man Zeit verbringt. Konsum muss zum Objekt von Nachfrage, Kritik und Analyse gemacht werden. Nicht immer negativ. Nicht als reine Scham. Aber das hat Kritik auch nie bedeutet. Kritik ist prüfend, beurteilend, nicht per se abwatschend, tadelnd. Konsumempörung ist falsch. Kritik nicht.
Wir tun das sehr zurecht auch bei anderen Fragen. Bei Fragen von Rassismus und Sexismus setzen wir ebenfalls auch bei Individuen und ihren Verhaltensweisen an. Und üben Kritik daran. Nicht, weil die Welt von allen Unterdrückungen und Feindseligkeiten befreit wäre, wenn alle in ihrem individuellen Verhalten aufhören, rassistisch zu sein. Dazu sind die strukturellen Ausschließungen zu groß. Aber eben weil es einen Unterschied macht, wie sich Menschen verhalten. Im Alltag wie im Denken.
Es geht nicht nur darum, aber eben doch auch. Das gleiche gilt für Natur und Klima.
Still allowed?
It may be true that the recent climate protests like Lützerath and in many other forests and industrial spaces, train for and actually demand a different way of living (together) or (co)existing—as i have argued before. However, while this might be true, it stands in opposition to a lack of understanding and a low level of interest that a general society has in these forms of dissent. Opposed to people, which would not concern themselves with the „way they engage with nature„. They might have discussions about the consumption of resources, the loss of a village, maybe the absurdity of extracting resources to convert them into a very enviromentally unfriendly way of producing energy. They rarely will adress the questions on the whole endeavure itself, on the attitudes with wich we collectively agree to keep taking from nature and forming nature for us.
The immediate consequences these forms of protests demand—the abstention of further coalmining in the Rhenish mining area, the preservation of buildings, forests, and places —are rarely very successful. They depend on political will and assessment, and that is, usually, „Not happening“.
The empowering Factor of individuals partaking in the protest, might remain, even though it’s effects can be understood as small compared to the necessary changes in the world.
The violent eviction by the police, on the other hand, was bound to happen. There seems to be not much to be done, at least in the long run. On to the next one? How, then, does the necessary change come about?
Just saving the world
And the currently prevalent answer to this increasingly is, if any: Through us. The behaviours of individual persons, in this perspective, can bring about the path towards a climate-neutral world and a different standpoint towards nature. We all know forms of this argument: Been sold on the idea of more enviromentally conscious consumption, saw critiques of air or sea travel, of plastics or meat, encouraging words for mindful consumption, train rides, electronic cars, etc.
This now is a vivid picture, i hope, of individualistic critiques of consumption or consumerism. To which the counter should, rightfully, be: consumer-critique is a wrong form of critique. This leads in different directions: (1) the empirical, measurable effects of individual behaviors, (2) the relationship between society and individuals, the whole and a part, as well as (3) the perception of sacrifice which is connected to the topic (or its perception), for some: the may, the should, the need to—which can, of course, be there, but can very well have been absent before it is brought up as an argument.
I will begin with the possible changes in the realm of individual persons. They actually are rather small. This is not because a single person is not more than a needle in a haystack compared to the reference of millions and billions. Here, individual responsibility goes beyond individual effects, it concerns the combined effects of collective action. Even with this in mind, though: take the German case, as a wealthy-country-example, with emissions broken down by economic sectors:
By far the largest emissions come from energy and industrial activities. After that, transport and buildings come a distant third and fourth. Transport then, can be dissected further, showing that truck deliveries account for 30 % of them, while buildings have non-residential buildings at those same 30% (emissions from usage, not construction). This is a simplified picture, and these sectors can not be easily separated for this purpose. Another way of getting towards the point here would be to combine emitting actors, which leads to a 30 again: 30 companies which produce 36% of Germany’s greenhouse gas emissions.
Looking at recent historical developments: for example:
In the … years 1995 to 2015 … consumption-related CO2 emissions fell by around twelve per cent across the EU. The poorest half of households reduced their CO2 output by almost a quarter (24 per cent), while those with middle incomes reduced theirs by 13 per cent. In contrast, the richest ten per cent of Europeans increased theirs by three per cent, and the richest one per cent even by five per cent.
The scale of needed change becomes obvious, I think. And the inequalities more inconceivable. Calls for restriction and sacrifice are, when present, directed at responsible consumers, which always has immediate, consolidating effects on social inequality. But we know that Grandma Erna has changed stuff, as is bound to happen when the problem gets more obvious. Why put additional pressure towards her? Why disregard her opportunities to even change (outcomes of) her behaviours? This will lead to the strong rejection of sacrifice-focussed discussions and therefore of an individual focus in climate questions.
And it looks like it is true, that the rampant focus on individual decisions, holidays and consumption focuses on the wrong level. Saving earth cannot be a personal to-do-item. Consumer-critique is wrong critique, then?
How to change, then
The scale of necessary changes is hard to even grasp. And the question of How do we actually get into change? remains unanswered. Grand, revolutionary change is not imminent, there is no treating this planet differently.
Take a speculative, though: If a government now, suddenly radicalised, starts to put the foot down: car-free days, repairing buildings and things instead of demolating them, adding industrial obligations, supported by force instead of incentive, rationings, measures against the (super) wealthy, you name the it. In any case, the question arises: How’s that gonna look, exactly? The fairly comprehensive backlash to so many even currently undertaken measures, from wind turbines to heat pumps to public transport and industrial regulations, the scares of deindustrialization—all this will not go away. It needs to be countered. The necessities for adaption, the knowledge on non-sustainability of current modern life need a presence. System-related decisions have direct connections to our all everyday consumption.
Which also means that change needs a connection to the everyday world and to everydayworld-thinking. And that is, where an individual level always comes in.
This, then, is less about looking at the effects of behaviours, like the economic model: demand changing supply. This effect is, as I’ve said, limited. The desire for alternative products, for stronger focus on production chains and their differen ethical problems, might have brought with it noticeable changes. Just take Rügenwalder having sold more vegetarian products then meat ones in the last year. But this does not mean that consumption has changed significantly. Rather, it has been expanded and increased. Vegetarian production does not so much replace meat production, it is not a zero-sum game, definitely not for Rügenwalder. For them, there now are additional products, not replaced ones.
This development has different effects on the realities of life, though. The experience of confrontation, often unwanted, often subtle, leads to questions, to forms of awareness, even if they might take the form of parents, that tell us and themselves, they „also don’t eat so much meat (anymore)“. True or not, this expresses a perceptiveness of the problem, though. This is a change, that has been brought, through a combination of factors, but not leat because of the implicit and explicit activities of people asking and advocating for alternatives to meat. Through examples, asking questions, criticising—through presence, they initiated shifts.
We should hardly ever counter a „I don’t eat (much) meat“ with the un-importance of individual consumption. The issues are adressed in the small acts, as well, and that should not be put away. This whole topic, this future, will be about consumption behaviours, affluence, nice to haves, food and travel choices, forms of spacial usage. These will be part of our lifes as questions. Not, because it all has to be changed or stopped completely but because it has to be transformed to fit another, less exploitative and less abundant mode of living.
Shame, shame, shame
So, looking at consumption is the wrong angle; but things must be changed on the way to a different relationship with the earth. They cannot be left as they are because large-scale political and, by extension, economic measures are needed. A constant confrontation of behaviour, consumption and lifestyle choices with a deforming reality is appropriate. It fails, when it gets stuck on this, when it leads into „Is that still allowed“ and „do this now“, loosing connection between individuals and systemic, distant political level. But this connection should not be lost.
This can be extended: Voting is an individual thing, as we understand it. Different discussions and questions need to be thought of having effects on these voting decisions. So, people need to be confronted with those questions, even if the specifics of these confrontations can be up for debate. Questions and confrontations can be brought about differently, but they need to be there, to show presence.
How exactly this works out, I don’t know. But as long as we remain oriented towards a democratic form of (co)existance, the path to a different, sustainable relationship with nature also leads through a tunnel of the public, the society. There are no vacuums, no isolations shielding politics or companies. They are connected to more individual opinions and lifes, to perceptions of societies. Especially, if these are (and can be) loud. If these are connected to a real, everyday world. Changes in daily activity and changes in thought are easily underestimated changes, but they have so fundamental effects on discussions and decisions.
The individual decision might not be sufficient, but it can lead a long way.
Every act of consumption has social meaning and effects. It takes place between people, influences these people. We might know from a very personal experience, how much others can influence our acting and thinking, especially noticeable when contexts and people change. Consumption needs to be have a strong presence in questions, analysis, critiques of the current and future world. Not as a general negative, not as shame. Examining, judging, where necessary, remaining constructive. Outrage at consumers is wrong, the criticism is not. Quite the contrary.
We act like this in different contexts as well. Concerned with racism and sexism, we stay with individuals and their behaviours. We criticise them. Not because we expect freedom from oppression and hostility just through individual change, —there are‚ too many structural forces present. But we do so, because it makes a difference how people behave. In everyday life as well as in thought, because it extends into society.
Its not only about individuals. Still, they matter.
Zmu Jahresbeginn habe ich über die Proteste in Lützerath geschrieben, ich habe sie ein „Symbol“ genannt – und mich danach eine ganze Weile gefragt, ob das passt, und ob das nicht eigentlich eine sehr hoffnungslose, resignative Perspektive ist.
Eigentlich ist die Geschichte ja leicht erzählt. Ich könnte mich ganz elitär hinstellen, und sagen: Seht her, das meinte ich. Der Protest in Lützerath wurde in atemberaubender Geschwindigkeit aufgelöst und das Gebiet geräumt, jetzt wird gebaggert. Übrig bleibt ein halber Monat Medienecho, ein Mönch, der sich gegen Polizist:innen stellt und eine getragene Greta Thunberg. Nichts als ein Symbol war das Ganze, und das war ja von Anfang an klar; die Staatsgewalt sitzt am Ende am längeren Hebel. Ich hab’s ja gesagt.
Das ist die hoffnungslose Weiter-So-Perspektive. Und natürlich auch quatsch. Ich habe in den Tagen nach der Räumung öfter in diese Richtung gedacht und mich daher vor allem gefragt: Warum? Wieso einen Ort besetzen, dessen Ende absehbar ist (und den die meisten Anwohnenden längst aufgegeben haben, was ja auch die traurige Geschichte der jetzt, so heißt es, „geretteten“ Orte ist: Die meisten Anwohner:innen sind sowieso längst weggezogen. Was gerettet wurde, ist der Boden, nicht der Wohnort der Menschen), bei dem die Wahrscheinlichkeit, dass man tatsächlich etwas am Lauf der Dinge verändert, unfassbar gering ist. Das „Symbol“ ist an dieser Stelle ein Platzhalter für Spielerei, manche würden vielleicht sagen Nutzlosigkeit: so wie es Wörter wie Symbolfoto oder die Symbolpolitik auch manchmal implizieren.
Aber das trifft glaube ich nicht, was und worum es geht. Es geht, um beim Wort zu bleiben, vielleicht eher um die Symbolfigur, zu der man bekanntlich aufschaut.
Protestrichtungen
Ein Protest kann erstmal ganz unterschiedlich gerichtet sein bzw. verstanden werden. Protest kann ausdrücken: So nicht, macht was, nehmt uns ernst, also an die Politiker:innen, Entscheider:innen gerichtet sein. Er kann aber auch ausdrücken: Seht her, was hier passiert, warum macht ihr das mit, also an die Mitmenschen gerichtet sein – und natürlich genau so auch in beide Richtungen zeigen. Die Debatten um Protestierende der „Letzten Generation“ und ihre Aktionen auf Straßen und in Museen zeigen zum Beispiel auch: manchmal gerät das durcheinander, manchmal ist nicht ganz klar, welche Richtung nun überwiegt (und noch viel weniger, ob die gewählten Mittel der Adressierung gerecht werden).
Und die Hoffnungslosigkeit, die Fragwürdigkeit, mit der ich mich ein wenig rumgeschlagen habe, gilt vor allem für die erstgenannte Richtung davon: Die nach oben, an Politik und RWE.
Wobei man zumindest nicht unterschlagen sollte, dass es auch dabei schlimmer hätte kommen können. Es wurden Erfolge erzielt, wenngleich der „Kompromiss“, die Vereinbarung zwischen Land NRW und RWE auch als Teil des Problems gesehen werden kann: Was für ein demokratisches Gemeinwesen soll das sein, in dem der wortwörtliche Boden, auf dem es fußt, nicht mehr als Grundlage für dieses Gemeinwesen verstanden wird, sondern etwas ist, dass man sich notdürftig zurückkompromissen muss?
EINSCHUB Das scheint mir nicht nur demokratietheoretisch in die falsche Richtung zu zeigen, es ist auch rechtlich nicht die einzige Möglichkeit, als die es verkauft wurde. Nicht zuletzt gibt die Verfasstheit dieses Gemeinwesens (das Grundgesetz) seinem Souverän (was am Ende seine Bevölkerung ist) etwas reichlich spezifisches mit:
Artikel 15 GG: „Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden. Für die Entschädigung gilt Artikel 14 Abs. 3 Satz 3 und 4 entsprechend.“
Besagte Entschädigung „ist unter gerechter Abwägung der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten zu bestimmen“.
Eine juristische Diskussion dieses Artikels mit Bezug auf RWE und zugleich auch eine kleine Einordnung, warum das so im Grundgesetz steht, gibt es hier.
Die andere Seite
Zurück zum Protest bei Lützerath. Ich finde, wenn man die andere Seite des Protests betrachtet, die an die Mitmenschen gerichtete, kommt man deutlich weiter. In der Selbstbeschreibung von „Lützerath Lebt!“ klingt das so:
„Wir sind hier um die Zerstörung die RWE anrichtet sichtbar zu machen. Wir sorgen dafür, dass RWE nicht weiter unbemerkt zerstören und Fakten schaffen kann. In Lützerath wird kein Haus mehr abgerissen und kein Baum gefällt ohne dass es die Öffentlichkeit mitbekommt.“
Darin steckt die Botschaft an alle anderen: Wie könnt ihr nur? Wie können wir nur zu lassen, dass das passiert, welche Welt soll das sein? Vor allem: Was ist besser?
Denn alle politische Bewegung rund um Lützerath war nicht einfach Protest: Seit mehreren Jahren haben Aktivist:innen dort tatsächlich gelebt und (von) dort gerabeitet. Die Nachricht an uns alle ist dann in etwa die, dass es nicht sein kann, dass wir so leben, wie wir es tun: Indem wir alle Natur vorwiegend als eine Ressource begreifen, die uns etwas gibt (vor allem Energie), die wir leerräumen und ausbeuten, solange sie uns das gibt – und die wir noch dazu am Ende des Prozesses zumüllen, mit den Produkten aus dem, was wir ihr vorher entnommen haben.
In Lützerath wurde über Jahre gelebt, dass es anders geht – Leben in Baumhäusern statt dort, wo mal Bäume standen, mit reduziertem konsumieren und wegwerfen, gegen die Extraktionslogiken, die mit der unter dem Ort gefundenen Kohle verbunden sind. Lützerath ging damit stark über das hinaus, was mit Protest greifbar ist: Das Projekt war in diesem Sinne auch eine gelebte utopische Praxis. Es hatte für die Beteiligten einen Sinn, der deutlich über das Stellen von Forderungen und Appelle hinausgeht.
Besetzung als Lebensform, nicht nur als Protest; das wird, wie ich finde, sehr anschaulich in dieser Darstellung der Initiative „Heibo bleibt“ gegen den geplanten Sand- und Kiesabbau in der Radeburg-Laußnitzer Heide. Link zum Tweet.
Und zugleich, als der Konflikt zum Jahreswechsel laut und sichtbar wurde, war es ein Protest der die Frage aufwirft: Was wollt ihr denn eigentlich lieber? Löcher oder anders leben?
Das so zu verstehen heißt für mich weder, dass eine riesige Menge von Menschen durch diesen Protest genau diese Frage im Kopf hatte, noch, dass ein so wörtliches „zurück auf die Bäume“ ein adäquater Umgang mit den Herausforderungen unserer Zeit sein kann, schon gar nicht für alle. Aber ein Erfahrungs- und Hinterfragungsraum ist definitiv geöffneter als vorher. Eine der dort langjährig lebenden Personen, Indigo, sagt vermutlich auch deshalb in der Dokumentation von Strg+F:
„Wir haben in Lützerath einiges gewonnen, obwohl wir verloren haben.“
Das ist die hoffnungsvollere Version. Sie steht im Kontext einer großen Reihe solcher Besetzungsformen in den letzten Jahren: Kurz nach Lützerath wurde hier in Frankfurt der lange bewohnte Fechenheimer Wald geräumt, im Heidebogen bei Dresden besetzt man weiter, gegen den Südschnellweg bei Hannover ebenfalls, usw. Und es ist nicht nur deutsche Praxis, wie das Beispiel der französischen Zones à défendre (ZAD, dt. zu verteidigende Zonen) zeigt. In allen diesen und weiteren Fällen ist der Bezugspunkt, der Sammelpunkt ein Projekt, dass unser zerstörerisches Verhältnis zur Welt weitertreiben soll: Flughäfen, Autobahnen, Kieswerke etc.
Und genau deshalb sind solche Bewegungen auch etwas anderes als beispielsweise jene gegen Atomkraft aus der Vergangenheit. Anders als damals wird (1) die Alternative auch gelebt, statt in erster Linie über punktuelle Verhinderungen betrieben zu werden und (2) wird umfassend unser Verhältnis zum Boden und seine Ressourcen thematisiert, statt spezifische Gefahren einer Form von Energieerzeugung für das Weiter-So einer eingeübten Lebensweise. Es geht heute sowohl in diesen Orten des praktischen Eingreifens wie auch in einigen wissenschaftlichen Diskursen tatsächlich um Eigentum am Boden, um Verantwortungen der Erde gegenüber, und schlussendlich auch um andere Formen, Natur und Welt überhaupt zu verstehen: Nicht als ein Gegner:innen, Anderes, Gegenübergestelltes sondern als Teil und Voraussetzung von Menschen.
Die falscheste Frage
Abschlussbemerkung: Immer wieder ging es im Kontext von Lützerath darum, ob wir die Kohle denn eigentlich brauchen und ich fühle mich mit der Frage unwohl, auch wenn man sie, der Studienlage nach berechtigterweise, mit nein beantworten mag. Diese Frage artikuliert eigentlich ganz gut, wie dick die zu bohrenden Bretter des vor uns liegenden Wandels sind. Das Brauchen in dieser Frage orientiert sich am Ist-Zustand, es ist das interpolierende Weitergucken: Aha, der Verbrauch entwickelt sich so, die Vorkommen sind so, okay, das ist der Pfad, auf dem das weiterverläuft. Das Brauchen in dieser Frage verdeckt die viel interessantere Frage, nämlich die nach dem Wollen: Wollen wir diese Kohle noch benutzen? Weil: Wir finden Wege, wenn wir das nicht wollen. Das ist ein angehbares Problem, wenn man sich dafür entscheidet, auf es zuzugehen. Dafür müsste man jedoch diese bedarfskritische Frage stellen. Die Bedarfssituation beim Gas kann zumindest erklärbar machen, dass das geht. Hinzu kommt, dass mehr Ressourcen immer auch mehr Verbrauch bedeuten: Mehr Fahrstreifen-mehr Autos-gleich viel Stau; mehr Flieger-mehr Flugurlaub etc.
Die stoische Erfüllung des angenommenen Bedarfs, weil wir das halt so machen/verbrauchen, ist aus der Zeit gefallen.
Ich möchte das am Beispiel von Annie Ernaux‘ Buch „Die Jahre“ lässt sich das literarisch unterstreichen. In der autobiografischen Gesellschaftserzählung zeigt Ernaux nämlich, wie sehr die Entwicklung des Brauchens sich seit dem Zweiten Weltkrieg, im Wirtschaftsaufschwung und allem Folgenden so deutlich manifestiert; wie sehr sich das gesellschaftlich einpflanzen kann. Ernaux schreibt um die 50er-Jahre herum:
„Der Fortschritt war der Horizont des Lebens. Er versprach Wohlstand, Gesundheit für die Kinder, elektrisches Licht in den Häusern, Straßenlaternen, Bildung, alles, was den Krieg und die dunklen Seiten des Landlebens vergessen ließ. Der Fortschritt steckte im Plastik und im Resopal, in Antibiotika, in der Krankenversicherung, im fließenden Wasser und in der Kanalisation, in Ferienlagern und höherer Bildung, im Atom. ‚Man muss mit der Zeit gehen‘, sagten die Leute bei jeder Gelegenheit, als wäre das ein Zeichen von Intelligenz und Weltoffenheit.“
Später, in Richtung der 70er:
„Man selbst ging der Werbung natürlich nicht auf den Leim … wenn man eine Stereoanlage, einen Grundig-Kassettenrekorder oder eine Super-8-Kamera kaufte, war man überzeugt, dass man die modernen Errungenschaften zu einem intelligenten Zweck nutzte. Für uns und durch uns wurde der Konsum zu etwas erhabenem.“
„Der Konsum lößte die Ideale von 1968 ab.“
Und in den 2000ern:
Man schaffte sich einen DVD-Player an, eine Digitalkamera, einen MP3-Player, einen ISDN-Anschluss, einen Flachbildschirm, man schaffte sich ständig irgendwas Neues an. Wer nichts mehr anschaffte, war alt.
Auch wenn die offiziellen Verhaltensregeln im Jahr 2021 ganz ähnliche waren wie im letzten Dezember, fühlte sich die ganze Weihnachtszeit erst dieses Mal so an, als wäre sie wieder wie „vorher“. Und ich setze das bewusst in Anführungszeichen, weil die Welt sich natürlich weitergedreht und unverkennlich verändert hat seit 2019 und zuvor. Menschen sind gestorben oder chronisch erkrankt, die Lücken einer auf Kante genähten markt- und wachstumsorientierten Gesundheitsversorgung offengelegt, die Gefahr von Pandemien hat sich von etwas Abstraktem ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt. Die Frage, was eigentlich von Wert für unsere Gesellschaft ist, stellt sich anders, wenn zum Beispiel die Kategorie der Systemrelevanz beinahe umgekehrt verknüpft mit der menschlichen wie monetären Wertschätzung ist, die wir diesen Berufen erteilen, in anderen Worten: Wie passt die Bezahlung von Kassierer:innen, Pflegekräften, Müllwerker:innen, etc. mit der Notwendigkeit dieser Berufe zusammen, die immer da ist, sich aber in der Pandemiesituation so deutlich gezeigt hat?
Wie aber steht es um Corona? Weihnachten war fast „normal“, wie gesagt, und auch sonst ist im Alltag ja nicht mehr viel übrig außer Menschen, die Masken tragen (müssen). Ob das nun gut oder schlecht ist, lässt sich am Ende nicht projizieren: Neue Virusvarianten können schließlich immer entstehen, gerade jetzt in China (wo sich dieser Tage täglich unvorstellbare Menschenmengen anstecken dürften). Trotzdem ist der Ausblick bei Corona ein guter, wenn man die schwerwiegensten Faktoren heranzieht: Sterblichkeit und schwere Verläufe: Beides ist einigermaßen im Griff. Und das ist gut. Nur heißt ein Übergang in so etwas wie die endemische Phase nicht, dass wir uns mit Corona einfach abfinden können, nach dem Motto: Ist halt, wenn’s gut läuft, ein Schnupfen. Die Risiken für Akut- und Langzeitfolgen existieren, leider auch bei einer zweiten, dritten, vierten Infektion. Mir persönlich ist deshalb immer ein bisschen mulmig zumute bei dem Level an „vorher“, das wir leben; ohne dass ich mich nicht gleichsam darüber freue. Hoffen können wir, nicht nur auf die Lotterie, dass uns nichts Einschränkendes passiert. Es gibt ganz vielversprechende Ideen: nasenspray-artige Impf- und Boosterstoffe, dank derer man den Erreger direkt an der Haustür des Körpers, den Atemwegen, kaltmachen könnte sowie den pan-betacoronavirus-Impfstoff, dem neue Varianten nichts ausmachen würden und der auch den altbekannten Schnupfen gleich mit erledigen könnte. Beides muss sich in weiteren Studien beweisen. Und beides muss profitabel genug erscheinen, damit es vorangetrieben wird.
Jetzt hab‘ ich direkt mit Corona losgelegt. Macht ja bekannterweise gute Laune. Aber ich möchte auch Hoffnung anstacheln, oder das zumindest veruschen.
In einer der nächsten Ausgaben geht es sicherlich um das Klima und die Frage, wie sehr unsere aktuellen Denkweisen und Lebensformen verwickelt sind in die Ausbeutung und Zerstörung von Natur. Dazu gibt es vieles zu sagen und ich habe vor, zu versuchen, einiges davon in diesem Jahr hier aufzugreifen. In einem kommenden Text vermutlich anhand meiner aktuellen (Seminar-)Lektüre von Pierre Charbonnier:
Die Verbindung unserer gesellschaftlichen wie politischen Ordnungen mit der Ausbeutung und Zerstörung wird in dieser Sekunde besonders plastisch erfahrbar am Ort Lützerath, der zum neuesten Symbol dafür wird, wie eng unsere Freiheiten – die Art, wie wir leben, die darauf basiert, dass wir Wasser, Strom, Nahverkehr, politische Rechte haben sowie die Möglichkeiten, uns einem autoritären Weltbild der russichen Führung entgegenzustellen – mit einer bestimmten Art, auf Natur und Umwelt zu blicken, verbunden ist: Menschen und ihre Lebenspläne müssen umziehen, Tiere und Pflanzen werden verscheucht, riesige auf Jahrhunderte martialisch anmutende Löcher ausgehoben sowie endliche Ressourcen entnommen und verfeuert, womit dann das eigentliche Thema erst richtig berührt wird: was das alles mit dem Klima macht.
Lützerath wird am Ende ein Symbol geblieben sein. Irgendwann sind die Baumhäuser geräumt und ist der Widerstand verschoben. Das verbreitete Kopfschütteln aber, die Argumente, die ausgetauscht wurden, das so geht es doch wirklich nicht weiter und die gemeinsame Erfahrung der Menschen vor Ort bleiben. Das etwas ein Symbol ist, diskreditiert seine Durchführung nicht, im Gegenteil: Symbole, die Bildhaftigkeit, Vorstellbarkeit, Erfahrbarkeit, die mit ihnen verbunden ist, sind bitter nötig. Lützerath dürfte das bleiben. Auch wenn es nicht mehr da ist.
Das lange Jahr
2022 war für mich so etwas wie ein „langes Jahr“. Der Krieg gegen die Ukraine, der mit einem initialen Schock im Februar begann. Erinnert Ihr Euch an diesen Moment, die plötzlichen Ängste oder Zynismen? Und wie sich dieser dann wieder wandelte: Staunen über den initialen Kriegsverlauf und die unerwarteten Fähigkeiten wie Unfähigkeiten, Diskussionen über Waffenlieferungen, besonders in einem Land mit einer großen (eher) pazifistischen Strömung. Die fluide Pattsituation des status quo. Die Energiefragen, die sich ab dem frühen Sommer langsam in die Diskussionen schoben: Huch, wir sind ja abhängig. Jetzt kommen die Blackouts! Und die politischen Maßnahmen: Preisbremsen, Deckelungen, Verstaatlichungen, Lieferungsverhandlungen, europäische Einigungen, Pauschalen, LNG-Terminals.
Was ich sagen will: Alleine der russische Krieg und die daraus resultierenden Energiefragen waren wie ein Spielfilm mit Überlänge. Ganz zu schweigen von dem, was sonst passiert ist.
Vieles bleibt ein struggle. Auch wenn einiges an Horror ausgeblieben ist, das (Über-)Leben im letzten Jahr ist an vielen Stellen deutlich schwieriger, entbehrungsreicher geworden. Ich hoffe sehr, dass es Euch dennoch oder trotzdem gut geht und/oder, dass es besser wird. Zumindest die so konfliktbehaftete Energiefrage dürfte sich eher entspannen. Es gibt genug zu diskutieren, zu kritisieren, zu verbessern, zu erkämpfen. Aber die Zeichen stehen zumindest nicht so schlecht. Auf den Energie- ebenso wie in den Supermärkten.